Interview mit Barbara Wally

erschienen online im Blog http://www.jill-24-7.de/2018/02/22/jemen-katastrophe/

Jemen ist momentan einer der schlimmsten Orte auf der Welt, um ein Kind zu sein“, sagte Geert Cappelaere, UNICEF-Regionaldirektor im Jemen, kürzlich. Wir lesen von Gewalt, Hungersnöten, Cholera-Epidemien…..

Jemen ist eines der kinderreichsten Länder der Welt – auch deshalb sind Kinder besonders von den nun bald drei Jahre andauernden Kriegshandlungen betroffen. Es ist ein Krieg, der die Zivilbevölkerung nicht schont, im Gegenteil: Weil der Krieg militärisch nicht gewonnen werden kann, wird die Zivilbevölkerung in Geiselhaft genommen und einem schleichenden Genozid ausgesetzt. Die Jemeniten, einschließlich ihrer vielen Kinder, sind in den meisten Gegenden des Landes Nahrungs- und Wasserentzug, Vertreibung, Epidemien wie Cholera und Diphterie, fehlender medizinischer Betreuung, Landminen und Bombardierung ausgesetzt.

In Aden brachen vor einigen Tagen erneut Straßenkämpfe zwischen dem Heer und der Separatistenmiliz aus. Aden leidet wie der Rest des Landes unter galoppierender Inflation, Währungsverfall und um bis zu 400 % gestiegenen Preisen für Grundlebensmittel. Zwar gibt es ausreichend Lebensmittel, doch sind diese für den Großteil der Bewohner unerschwinglich. Das tägliche Leben geht darin auf, das Nötigste zum Leben zu beschaffen, meist gibt es kein Benzin, kein Gas, die Wasserversorgung und die Müllentsorgung funktionieren schlecht, es gibt kaum bezahlte Jobs, man lebt von der Hand in den Mund. Der Jemen war ja mehr als zwei Jahre von der Außenwelt abgeschnitten, Häfen und Flughäfen waren geschlossen.

Inwieweit kommen Spendengelder, die an die großen Hilfsorganisationen gehen, überhaupt bei der Bevölkerung an? Erst am Wochenende war von den Vereinten Nationen ein neues Hilfsprogramm für den Jemen im Umfang von drei Milliarden Dollar beschlossen worden. Etwa 13 Millionen Menschen sollten endlich versorgt werden. Doch nun sickerte in UN-Kreisen die Information durch, die Houthis hätten über 30 Hilfsorganisationen (u. a. auch der UN) die Einsätze in den von ihnen kontrollierten Gebieten untersagt.

Ohne Spendengelder und ohne den Einsatz der vielen großen und kleinen internationalen und nationalen Hilfsorganisationen wären sicher schon Hunderttausende Jemeniten an Hunger, Durst, Krankheit, Vertreibung gestorben. Bei einer humanitären Katastrophe diesen Ausmaßes – fast 20 Millionen Menschen sind betroffen, darunter 8 Millionen akut – wird die Tätigkeit der Hilfsorganisationen zu einem Unternehmen, in dem Milliardenbeträge umgesetzt werden. Tausende Menschen sind weltweit in die Hilfsdienste eingebunden, auch viele Jemeniten vor Ort. Zahllose Firmen liefern die Hilfsgüter, für welche die Spendengelder eingesetzt werden. Bei dieser Größenordnung ist die Produktion und Beschaffung von Hilfsgütern zu einem eigenen Wirtschaftszweig geworden. Hinzukommt die Logistik des Transports, der Lagerung und der Lieferung an die Ausgabe- oder Verteilungsstellen, damit die Hilfsgüter dort ankommen wo sie dringend gebraucht werden – auch in lebensgefährlichen Kriegssituationen. Die Hilfsdienste bewältigen diese schwierigen Aufgaben in der Regel professionell und getragen von humanitärem Ethos. Dennoch lassen sich bei komplexen Dienstleistungen und Warenbereitstellungen dieser Art Missstände nicht immer vermeiden. Dazu gehört die Unterschiebung minderwertiger Hilfsgüter, vor allem im medizinischen Bereich, Mehrkosten durch schlechte Logistik und lange Lagerungszeiten, Verteilungsungerechtigkeit, Missbrauch und das Faktum, dass die künstlich hergestellte Mangelwirtschaft Schwarzmärkte und Kriegsgewinnler produziert. Im Jemen gab und gibt es die Fälle, wo dringend benötigte Güter wie Diesel (Krankenhäuser, Landwirtschaft) nur auf dem Schwarzmarkt zu haben sind. Manche Hilfsorganisationen gingen dazu über, den Bedürftigen Bargeld (das von der Besatzungsmacht ebenfalls künstlich verknappt worden war) auszugeben, damit diese entsprechend ihren Bedürfnissen einkaufen konnten. Die Geldinstitute nutzten wiederum die Marge zwischen offiziellem Wechselkurs und Schwarzmarktwechselkurs, um erheblich mitzuschneiden.

Dies alles ist nicht zu beschönigen, dennoch leisten die IGOs und die NGOs Unglaubliches, um die humanitäre Katastrophe im Jemen zu lindern. Auch sind andere Wege, die Zivilbevölkerung über weite Gebiete zu schützen und zu versorgen, derzeit schwer vorstellbar. Allerdings gibt es auch lokale, oft schon alteingesessene Hilfsorganisationen, welche die Verhältnisse und die Bedürfnisse der Bewohner genau kennen und in der Lage sind, effektive Hilfe zu leisten, speziell für Kinder und Frauen. Es ist allerdings schwer, an solche Gruppierungen vor Ort Geld zu überweisen. Lokale Organisationen helfen oft durch Lebensmittelpakte mit 6 Grundnahrungslebensmitteln, welche für eine Familie für ein Monat reichen.

In einem Krieg wie diesem, der militärisch nicht zu gewinnen ist, werden andere Strategien eingesetzt um Druck auszuüben und Nachgeben zu erzwingen. Not, Hunger, Schutzlosigkeit und Ohnmacht werden zur Demoralisierung eingesetzt und auch die karitativen Leistungen werden zunehmend strategisch instrumentalisiert.

Unter dem massiven öffentlichen Druck kündigte Saudi Arabien an, Hilfsgüter im Werte von 1,5 Milliarden USD in den Jemen zu entsenden. Allerdings wickelt das Land die Spendenaktionen nicht über die professionellen Organisationen ab, sondern hat eine eigene „Yemen Comprehensive Humanitarian Operation initiative“ eingerichtet, ein rein saudisches Unternehmen unter Ausschluss der internationalen Hilfsorganisationen, das auf dem gesamtjemenitischen Gebiet in 17 Korridoren von Marib aus, das unter saudischer Kontrolle steht, operieren und Hilfsgüter transportieren und zur bedürftigen Bevölkerung bringen will. Offensichtlich will Saudi Arabien die angekündigten Hilfsleistungen mit strategischen Interessen verknüpfen und sich auf diese Weise Zugang zu den Houthi-Gebieten verschaffen. Zudem wird offensichtlich mehr Geld für die Propaganda dieser Aktion eingesetzt als für die Aktion selbst.

Die Untersagung von Einsätzen internationaler Hilfsorganisationen durch die Houthis betrifft ein genau definiertes Kontingent an Hilfslieferungen:

„Houthis order health institutions under their control not to allow any program or move any aid by 36 INGs and local NGOs including UNICEF WFP Oxfam IOM without their approval and monitoring“.

Es geht hier ausschließlich um gesundheitsspezifische/medizinische Güter und Hilfsleistungen. Bei der Order an die jemenitischen Krankenhäuser und Ambulanzen wurde nicht präzisiert, welche medizinischen Güter vorab geprüft werden müssten, doch lässt die Formulierung darauf schließen, dass es unter den Lieferungen möglicherweise untaugliche oder schädliche Chargen gibt, wie dies ja in der Vergangenheit und anderen Orts schon öfter geschehen ist (verseuchte Blutbeutel, abgelaufene Medikamente) . Es scheint, dass die Houthis vor der Verteilung solcher ungeeigneter oder schädlicher Chargen gewarnt wurden.

Nach dem Tod von Ali Abdallah Saleh wurde erwartet, dass es Abspaltungen von den Houthis geben würde, dies scheint jedoch nicht der Fall sein. Hat Salehs Tod überhaupt Einfluss auf den Kriegsverlauf genommen?

Ja, sicher, wenn auch anders als erwartet. Eine spontane Reaktion auf Salehs Tod war die Schließung der russischen Botschaft in Sana’a, die eine der ganz wenigen Botschaften war, welche während der Dauer des Krieges offen geblieben waren. Saleh war mit der russischen Botschaft stets im Gespräch, er band Russlands Interessen in seine Nachkriegspläne ein, u.a. wollte er Russland einen Stützpunkt in Hodeidah erlauben. Russland zeigte sich verärgert über den Iran, dem es nicht gelungen sei, die Houthis unter Kontrolle und von einer Tötung Saleh abzuhalten. Zwischen den Houthis und Russland gibt es offensichtlich kaum Berührungspunkte.

Ein weiterer, die Zukunft des Landes bestimmender Punkt ist, dass durch den Tod Salehs das Streben nach Erhalt der Einheit des jemenitischen Staates an Rückhalt verloren hat und die sezessionistischen Kräfte gestärkt wurden. Somit wird einer Fragmentierung des jemenitischen Staates weniger Widerstand entgegenstehen.

Das Ausscheiden der Saleh-Fraktion scheint auf die Houthis keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Im Gegenteil haben sie mehrere wichtige Ämter mit eigenen Leuten aus ihrer Ansar-Allah-Partei besetzt. Welche Auswirkungen hatte das auf die Stimmung im Land gegenüber den Houthis?

Kenner der Lage hatten schon erwartet, dass mit dem Tod Salehs am 4.12. 2017 ein potemkinsches Dorf versinkt. Denn die militärischen Kräfte der Saleh-Fraktion waren schon zum großen Teil in der von den Houthis geschaffenen und kontrollierten neuen Militärordnung aufgegangen. Soweit nachvollziehbar, hat sich nur ein geringer Teil der höheren Militärs nach Salehs Tod abgesetzt. Die Houthis internierten nach Salehs Tod einige tausend Saleh-Anhänger, um den von Saleh vorbereiteten Coup abzuschmettern. Inzwischen wurden diese bis auf einige hundert Personen aus dem engsten Umkreis Salehs wieder auf freien Fuß gesetzt. Saleh hat wohl, als er die plötzliche Kehrtwende vollzog und sich wieder bei den Saudis anbiederte, seinen Rückhalt weit überschätzt. Ähnlich wie im Militär, war Salehs Machtposition auch in seiner Partei, dem Allgemeinen Volkskongress Moutamar, „zerbröselt“. Der Moutamar war von Anfang an keine Partei im üblichen Sinn mit Parteiprogrammatik und Machtteilung, sondern ausschließlich auf den Führer Saleh ausgerichtet und zur Schaffung eines pseudodemokratischen Apparates, in dem Salehs Klientel organisiert war. Schon seit den revolutionären Ereignissen im Frühjahr 2011 hat sich der Moutamar mehrmals gespalten. Der in Sana´a verbliebene Rest kam nach Salehs Tod zur Wahl eines neuen Vorsitzenden zusammen, der den Houthis Loyalität schwor. Allerdings gibt es auch noch Moutamar-Gruppen in Marib, Taiz, Aden und der Diaspora. Die Houthis haben die mit Salehs Tod eliminierten Moutamar-Mandatare ihres Obersten Rates und ihrer provisorischen Regierung problemlos ersetzt. Doch in Verwaltungsangelegenheiten erweisen sich die Houthis als weit weniger professionell als in Angelegenheiten des Militärs und der Sicherheit. In den diversen Ministerien sitzen nach wie vor sehr viele Beamte aus der Ära Saleh.

Welchen Einfluss hat die Regierung Hadi überhaupt noch auf das politische oder militärische Geschehen im Land? Werden die Entscheidungen nicht längst von den Saudis allein getroffen?

In Bezug auf Hadi klaffen die Innensicht innerhalb des Jemen und die Außensicht, insbesondere die Berichterstattung über den Jemen, extrem auseinander. Die Legitimität Hadis ist seit seinem Rücktritt 2014 mehr als fragwürdig und beruht auf der Formel „des international anerkannten Präsidenten“. Eine Formel, die für Saudi Arabien wichtig ist, weil die saudische Regierung den Angriff auf den Jemen mit der Wiedereinsetzung des „rechtmäßigen“ Präsidenten begründet hat. Aber auch die USA, GB und Russland halten zumindest nach außen und auf dem Papier an Hadis Präsidentschaft fest, die er von seiner Residenz in Riad mit mehr oder weniger befolgten Erlässen, Ernennungen und Absetzungen ausübt. Hadi ist auf jemenitischem Gebiet „persona non grata“, im Houthi-Gebiet gilt er als Staatsfeind und Verräter, weil er die Saudis zum Bombenkrieg eingeladen hat, und im Süden verweigert ihm die Besatzungsmacht der Emirate die Landeerlaubnis. An der Person Hadis öffnet sich eine weitere Kluft, denn während Hadi als treuer Vasall der Saudis gilt, versuchten ihn die Emirate von Anfang an zu demontieren, weil seine Anhängerschaft vorwiegend aus Muslimbrüdern besteht. Gerade derzeit versuchen die Emirate, die in Aden präsente Regierungsmission Hadis mithilfe des von ihnen geschaffenen politischen Übergangsrates des Südens und seiner Milizen zu stürzen. Hadi war nie sehr populär, derzeit ist der Rückhalt für den abwesenden Präsidenten, welcher zudem massiver Korruption und Unfähigkeit beschuldigt wird, landesweit sehr gering.

Doch je mehr Hadis Einfluss schwindet, desto mehr drängt sich die Frage auf, was mit den zigtausenden Soldaten des regulären Heeres geschehen wird, wenn es keinen Oberbefehlshaber mehr gibt? Werden daraus Milizen, die von den verschiedenen in- und ausländischen Interessensgruppen für ihre Ziele instrumentalisiert werden?

Saudi-Arabien und Jordanien gehören zu den besten Kunden deutscher Rüstungskonzerne. Wegen der nicht unbedeutenden Rolle, die deutsche Waffen im Jemenkrieg spielen, sollen diese Deals vorerst gestoppt werden. – Ist das eine Erkenntnis, die 3 Jahre zu spät kommt, oder könnte das den Kriegsverlauf tatsächlich beeinflussen?

Im Jemenkrieg sind folgende Kriegsmaterialien deutscher Herkunft, die an die saudische Armee geliefert wurden, von Bedeutung für die Zivilbevölkerung: Bomben verschiedener Formate, die derzeit von einer Rheinmetall-Tochter in Sardinien produziert und nach Jeddah geliefert werden. In Saudi Arabien werden damit die Flugzeuge bestückt, die über dem Jemen Bomben abwerfen. Von Ende März 2015 bis Ende 2017 gab es insgesamt 14.600 Bombeneinsätze, die verheerende Schäden angerichtet haben und denen einige tausend Zivilisten, darunter hunderte Kinder zum Opfer fielen. Mit einem Embargo dieser Bomben, auch jener aus ins Ausland ausgelagerten Produktionsstätten, könnte die humanitäre Katastrophe zumindest gemildert werden. Weiters betrifft dies Küstenwachboote, sofern sie zur Blockade der Hilfslieferungen in den jemenitischen Häfen eingesetzt werden. Ein striktes Lieferverbot ist auch jetzt noch sehr hilfreich. Dauerhaft sind solche Embargos aber keine Lösung, denn Saudi Arabien unternimmt derzeit große Anstrengungen, ein eigenes Rüstungscluster aufzubauen und wird sich in angemessener Zeit selbst versorgen.

Am wichtigsten ist es aber, in der Diskussion um Waffenexporte den Zusammenhang zwischen Waffenlieferungen, Kriegsgeschehen und Flüchtlingsströmen herzustellen. Gerade angesichts der hohen Gewinne in der Waffenproduktion und im Waffenhandel würde ich dafür plädieren, Waffenexporte in (potentiell) Krieg führende Länder mit sehr hohen Exportsteuern zu belegen, die nach dem Verursacherprinzip einerseits für den Wiederaufbau im betroffenen Land, andererseits für die angemessene Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen aus Kriegsländern verwendet werden.

Große Gebiete des Jemens sind (Gott sei Dank) nicht von Kriegshandlungen betroffen, weil sich die Luftangriffe weitestgehend auf Houthi-Gebiete beschränken, doch wie ist die Situation der Menschen in diesen nicht direkt betroffenen Gebieten?

Die meisten Kriegshandlungen finden in den von den Houthis verwalteten Gebieten statt, die sich hauptsächlich über das nördliche Gebirge und die angrenzenden Landschaften erstrecken. Dieses Gebiet umfasst nur 20% der Oberfläche des Jemen, dort lebt aber 80% der Bevölkerung, weil es die fruchtbarsten und klimatisch angenehmsten Zonen des Landes sind. Also sind auch 80% der Gesamtbevölkerung des Jemen seit 2015 ständig von Kriegshandlungen bedroht, an den Grenzzonen und am Meer noch mehr als im Binnenland.

Dennoch zeigen die monatlichen Statistiken, die von den Hilfsorganisationen erstellt werden, dass von extremen Notlagen, Wassermangel und Seuchengefahr auch andere, sogenannte befreite Gebiete betroffen sind. Das hat auch damit zu tun, dass die saudische Koalition nach dem Scheitern einer militärischen Überlegenheit einen Wirtschaftskrieg gegen das gesamte Land führt, der mehrere sehr effiziente Strategien einschließt. Eine davon ist ein Embargo von Dieseltreibstoff. Der Mangel an Diesel legt nicht nur die Energieversorgung der Krankenhäuser lahm, sondern vor allem die Wasserpumpen, die für die Landwirtschaft unabdingbar sind. Landwirtschaftliche Erträge werden ohne die Pumpen von Jahr zu Jahr geringer. Eine andere Strategie bestand darin, dass die öffentlichen Bediensteten einschließlich des Militärs, und damit ein Drittel der Familienerhalter, monatelang keine Gehälter ausbezahlt bekamen. Lehrer konnten nicht mehr unterrichten, weil sie ihre Familie mit anderen Jobs zu erhalten versuchten, die Schulen mussten schließen. Dann verschwand sukzessive das Bargeld und selbst, wenn es in den Geschäften Waren gab, konnten die Menschen nichts kaufen. In Russland bestellte und gedruckte Geldscheine konnten nicht unter die Leute gebracht werden, weil die Flugzeuge mit dem Geldtransport 13 Mal von den Besatzern der saudischen Koalition keine Landeerlaubnis erhielten. Zuletzt wurde die jemenitische Währung galoppierend entwertet. Während man kurz vor dem Krieg für 1 USD nur 215 jemenitische Rial erhielt, muss man nun für einen Dollar mehr als 400 Rial zahlen. Bedingt durch diese Faktoren und die Blockaden der Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen, stiegen die Preise um bis zu 400% während die Arbeitslosigkeit auf 60% stieg. Zuletzt hat Saudi Arabien 2 Milliarden Dollar in der jemenitischen Nationalbank deponiert, um die Währung zu stabilisieren. Von diesen Faktoren sind fast alle Jemeniten betroffen und der Mittelstand ist tief in die Armut gerutscht. Daneben gibt es auch Kriegsgewinnler, dir vor allem auf dem Schwarzmarkt mit der konstanten Mangelware Benzin gute Geschäfte machen.

Der Krieg dauert nun über 1000 Tage, seit Kriegsbeginn gab es fast 16.000 Luftangriffe auf das Land, 22 Millionen Jemeniten gelten als notleidend, 8 Millionen sind akut vom Hungertod bedroht, selbst wenn der Krieg morgen enden würde, wären die Auswirkungen dieser Katastrophe noch Jahrzehnte im Land spürbar. Parallel dazu sind während des Krieges 3 Millionen Babys im Jemen zur Welt gekommen. Ist das ein Zeugnis für die große Leidensfähigkeit der Jemeniten, für Ihre Fähigkeit, dennoch an eine bessere Zukunft zu glauben?

Man kann das so sehen und Hoffnung in die Zukunft des Jemen setzen. Ich neige zurzeit eher zu einer pessimistischen Betrachtungsweise und frage mich: Wie kann die Welt zuschauen, wie hier ein Land – ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen – mutwillig zerstört wird und nichts dagegen unternehmen. Warum gibt es zum Beispiel keine UN-Friedensmission. Warum heizen die sogenannten Freunde des Jemen die Konflikte von außen mehr an, als sie sie schlichten wollen?

Mit jedem Kriegstag mehr, fürchte ich, tragen die Kinder durch Unterernährung, Krankheiten und Traumatisierung bleibende Schäden davon, jeden Tag mehr, die ihr weiteres Leben bestimmen werden, vielleicht sogar noch das Leben ihrer Kinder – so wie unser Leben (ich gehöre der Nachkriegsgeneration an) vom Horror des 2. Weltkriegs und den Gräueltaten geprägt wurden. Die jemenitischen Kinder werden weniger Chancen haben als andere Kinder, die in Frieden aufwachsen können. Ich glaube auch, dass die Menschen im Jemen nicht zur ihrer früheren Lebensform, zu ihrer Gastfreundschaft, ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude zurückkehren können – nach allem was sie jetzt durchmachen.

Täglich verfolge ich die Nachrichten, fühle die Ohnmacht und versuche dagegen anzukämpfen, indem ich mich im Kleinen engagiere. Indem ich über den Jemen schreibe, von ihm erzähle, und mich für die NGO YERO engagiere, die in Sana´a ein Zentrum zur Betreuung von bedürftigen Kindern betreibt, ihnen den Schulbesuch ermöglicht und sie fördert, und ihre Familien mit kleinen Einkommensmöglichkeiten und Lebensmittelspenden unterstützt.

 

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Newsletter 24

Nach mehr als 1000 Kriegstagen schreitet die Fragmentierung des Jemen rapide voran. Im Laufe des nun bald drei Jahre andauernden Krieges kristallisieren sich zunehmend die Gewinner heraus, die auf jemenitischer Seite nicht mit den Machthabern der Zeit vor Kriegsbeginn ident sind.

Verlierer des Krieges ist die jemenitisch Zivilbevölkerung und insbesondere die Kinder, wobei laut UN derzeit 22 Millionen Menschen als notleidend gelten und 8 Millionen als akut vom Hungertod bedroht.

Selbst wenn der Krieg bald beendet wird, werden die Zerstörungen wohl Jahrzehnte nachwirken, ob es um Wiederaufbau oder Traumatisierungen geht.

Die Kriegshandlungen konzentrieren sich derzeit auf Luftangriffe der saudischen Koalition auf das Houthigebiet, den Stellungskrieg an den Grenzen der Houthi-Gebiete und am Roten Meer, die Houthi-Raketenattacken auf saudisches Gebiet, den US-Drohnenkrieg in den südlichen Provinzen sowie alQaida-Attacken gegen die Houthis und gegen die emiratisch dominierten Sicherheitskräfte im Süden. Die Emirate verdichten und erweitern ihre militärische Kontrolle des Südens.

Auf der Karte ist ersichtlich, dass die Houthis im Vergleich zur Lage vor dem 4. Dezember 2017 etwas zurückgewichen sind: An der Rotmeerküste in Richtung Hodeidah, im Jauf im Norden und in alBeidha, dessen östliche Grenze hart zwschen Houthis, alQaida und Daash umkämpft ist. Nach dem Tod von Ali Abdullah Saleh wurde erwartet, dass sich größere Einheiten der Republikanischen Garde und der zentralen Sicherheitskräfte von den Houthis abspalten und, wie von Saleh geplant, den saudischen Kräften anschließen würden. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Die meisten dieser Saleh nahestehenden Einheiten wurden von den Houthis schon vorher integriert und ihre Waffen übernommen.

Die auf der Karte hellblau gefärbten Gebiete im Süden und Osten werden von westlichen Medien noch immer als  „unter Kontrolle der rechtmäßigen Regierung Hadi“ geführt, doch hat die Regierung Hadi kaum Einfluss auf das Geschehen, weder militärisch noch politisch. Hadi selbst kann ohne Zustimmung der Saudis nichts unternehmen und wird von den Emiraten, welche sich im Süden immer mehr ausbreiten, als Staatsführer des Südens dezidiert desavouiert.

Die von den Houthis verteidigten Gebiete im Nordwesten des Jemen wurden im Monat Dezember 2017 mit 541 Luftangriffen der saudischen Koalition attackiert, bei denen hunderte Zivilisten starben. Gegenüber November 2017 erhöhte sich die Zahl der Luftangriffe um 67%.

Zwischen Kriegsbeginn am 26.3.2015 und Jahresende 2017 wurden insgesamt 15.760 Luftattacken gezählt, wobei weit mehr zivile als militärische Ziele getroffen wurden. Allein seit Jahresbeginn 2018 wurden durch die Luftangriffe bisher über 200 Menschen getötet.

Große Gebiete des Jemen sind derzeit nicht von direkten Kriegshandlungen betroffen, denn die Luftangriffe der saudischen Koalition konzentrieren sich auf die von den Houthis besetzten Nordprovinzen und die Schauplätze des Bodenkriegs. Dennoch ist die Versorgungslage fast überall schlecht. Die Emirate brüsten sich zwar mit hohen humanitären Leistungen und Infrastrukturverbesserungen für die Menschen des Südens, doch sind die meisten Infrastrukturdienste völlig unzureichend und die Menschen leiden unter Unterversorgung und Mangelernährung. Etwas besser ist die Stromversorgung, aber Benzin gibt es nur zu horrenden Schwarzmarktpreisen, Gas ist knapp, das Internet meistens lahmgelegt und die Preise für die Grundversorgung mit Lebensmitteln sind seit Kriegsbeginn um das Vierfache gestiegen. Hinzu kommt, dass öffentliche Bedienstete seit Monaten auf ihre Gehälter warten. Durch die große Not werden Jugendliche und Männer sowohl im Süden wie im Norden bei den Houthis – und dort auch Kinder – in den Militärdienst getrieben, wo sie noch am ehesten Geld verdienen können. Die Mangelwirtschaft und Verknappung an Lebensmitteln und Geld scheint gezielt herbeigeführt zu werden, denn sie schafft einerseits Nachschub an Soldaten und bringt den Schwarzmärkten der Kriegsgewinnler enorme Gewinne durch Preistreiberei. Damit steigt die Korruption und notgedrungen auch die Kriminalität. Dennoch hat sich die Sicherheitslage im Süden in den letzten Wochen etwas verbessert.

Im Norden war die Sicherheit durch die strenge Überwachung der Houthi-Saleh-Koalition auch früher schon gegeben.

Nach dem Tod von Ali Abdullah Saleh hat sich die Stimmung gegenüber den Houthis rapide verschlechtert. Galten die Houthis trotz aller Drangsalierungen, denen die Bevölkerung in Sana´a und darüber hinaus ausgesetzt war, als Helden für das Vaterland, weil die erfolgreichen Raketenattacken auf saudisches Gebiet den Patriotismus der Jemeniten stärkten, so waren die letzten Wochen – auch abgesehen von den verstärkten saudischen Luftattacken – unerträglich. Saleh hatte ja schon länger geplant, „eine neue Seite aufzuschlagen“, d.h. zu den Saudis überzulaufen und seine Vorbereitungen getroffen. Die Houthis witterten daher überall in Salehs Partei Verrat und inhaftierten führende Moutamar-Mitglieder sowie des Verrats verdächtigte Militärs oder vertrieben sie. Die Houthis steigerten auch die Verhaftungswelle gegen kritische Journalisten und social media-Aktivisten. Sana´a befindet sich seitdem in einem Ausnahmezustand mit Kontrollen, Razzien und Übergriffen. Der Unmut in der Bevölkerung wächst stetig und kann jetzt auch nicht mehr auf Saleh abgelenkt werden. Politisch haben die Houthis mit ihrer Ansar-Allah-Partei den Verlust oder das Ausscheiden der Salehfraktion relativ leicht bewältigt und diverse Minister- und andere hohe Positionen mit eigenen Leuten nachbesetzt.

Salehs Moutamar, der einst über 80% der Parlamentssitze innehatte und sämtliche Minister stellte, erweist sich im Nachhinein als Papiertiger und befindet sich nach dem Tod Salehs und seines Stellvertreters Arif Azouka im Zustand der Auflösung.

Sanaa, 4.1.2018, Neugründung des Moutamar, der Volkskongresspartei, nach dem Tod von Ali Abdullah Saleh. Neuer Parteivorsitzender ist Sadeq Amin Abu Ras, die Partei wendet sich gegen die saudische Aggression. Für Saleh-Sohn Ahmed Ali Saleh ist kein Platz

Sanaa, 4.1.2018, Neugründung des Moutamar, der Volkskongresspartei, nach dem Tod von Ali Abdullah Saleh. Neuer Parteivorsitzender ist Sadeq Amin Abu Ras, die Partei wendet sich gegen die saudische Aggression. Für Saleh-Sohn Ahmed Ali Saleh ist kein Platz

Dieser Tage haben 56 Parteimitglieder in Sana´a, d.h. mit Zustimmung der Houthi,  die Neugründung der Partei beschlossen und erarbeiten Grundlagen und Zusammensetzung der Partei, die 30 Jahre lang ganz auf die Person ihres Führers zugeschnitten war. In einer ersten Stellungnahme ergreifen sie zwar nicht Partei für die Houthis, bezeichnen Saudi Arabien aber als Feind. Zum Vorsitzenden wurde Sadeq Amin Abu Ras, ein früherer Landwirtschaftsminister gewählt. Der Name Ahmed Ali Saleh, der sich als Verbündeter der Saudis um die Position beworben hatte, ist nicht gefallen.

Den Emiraten scheint klar geworden zu sein, dass ohne den Vater Ali Abdullah Saleh dessen Sohn Ahmed Ali Saleh, der seit 2012 in den Emiraten lebt, keine geeignete Führungsfigur für den Jemen ist.

Die Emirate haben sich mit dem „Politischen Rat für den Übergang im Süden“ ein organisatorisch schon weit entwickeltes Instrument (Provinzräte in fast allen Provinzen des Südens und der Ansatz einer Marionettenregierung) geschaffen, dessen Hauptziel vorerst die Abtrennung vom Norden ist. Doch im Norden sind nach Vertreibung der Islah und Auflösung des Moutamar nur die Houthi-Strukturen als funktionierendes politisches Organ übrig geblieben.

In dieser Lage haben sich die Emirate und Saudi Arabien als Besatzungsmacht wohl klar gemacht, dass sie bei einem derzeitigen Kriegsende keine politischen Strukturen, Organisationen und Vertrauensleute mehr hätten, über welche sie die Entwicklungen im Norden des Jemen steuern könnten. Und in dieser Lage mussten die Emirate und ihr Führer, Kronprinz Mohamed bin Zayed, als Hasser der Muslimbrüder bekannt, über ihren Schatten springen und Kontakte zur Islah-Partei aufnehmen, deren Führer in der Emigration leben, weil sie von den Houthis im Norden und den Emiraten im Süden vertrieben wurden. Kronprinz Mohamed bin Salman und Kronprinz Mohamed bin Zayed trafen mit ihren Sicherheitsministern zuerst in Riadh und dann noch einmal in Abu Dhabi (ohne MbS) mit den Islah-Parteiführern Mohammed AlYadumi und Abdulwahab AlAnsi zusammen um mit ihnen eine künftige politische Führung und Führungsstruktur zu besprechen. Yadoumi und Ansi bilden die führende Vertretung der Muslimbrüder in der Islah-Partei, mussten aber – neben anderen Bedingungen – zusagen, dass die Muslimbrüder in Zukunft keinen Einfluss auf die Partei haben werden.

Die Verhandlungen sind noch im Gange. Sie lassen aber Hoffnung aufkommen, dass ein Ende der Kriegshandlungen in Aussicht steht. Bestärkt wird diese Aussicht durch die Ankunft des Vertreters der OSEGY, Maan Schuraim, in Sana´a, um mit den Houthis zu verhandeln. Seit dem Antritt des neuen UN-Generalsekretärs Guterres hat sich die Haltung der UNO in der Jemenagenda von einem Vollzugsorgan saudischer Interessen in eine unparteiische und vor allem humanitär engagierte Richtung entwickelt.

 

 

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Neuigkeiten von YERO

Liebe Sponsoren und Liebe Mitglieder

Dank der auf unseren Weihnachtsbrief sofort eingegangenen Spenden konnten für alle YERO Kinder und deren Familien Decken gekauft werden, als es plötzlich sehr kalt wurde. Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft und liebe Grüße

Anisa

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Interview mit Nouria

Bitte lesen: https://www.almadaniyamag.com/english/2017/11/12/helping-her-homeland-nouria-najis-yemeni-mission

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Newsletter 23

Zwei Daten sind wichtig für die neuesten Entwicklungen im Jemen: der 21. September, an dem in Sana´a der dritte Jahrestag seit dem Einmarsch der Houthis gefeiert wurde, und die Tage seit dem 17. September, an denen die UNO-Vollversammlung in New York stattfindet.

Die Veranstaltung der Houthis am Sabain-Aufmarsch-Platz in Sana´a war ein schlagender Beweis für die realitätsfremde Einschätzung der „internationalen Gemeinschaft“ über die Lage im Jemen. Während  dem „international anerkannten Präsidenten“ Abdrubbah Mansur Hadi, der in Wirklichkeit seit drei Jahren ein Präsident ohne Volk und ohne Land ist, im UNO-Plenum in New York erlaubt wird, vor der ganzen Welt die Räumung des Jemen von „Aufständischen“ mit militärischen Mitteln zu fordern, demonstrieren gleichzeitig zigtausende Jemeniten, die seit 30 Monaten von den Schutzherren Hadis bombardiert wurden, Geschlossenheit und Einheit hinter der defakto-Regierung aus Houthis und Vertretern des Moutamar.

Sana´a, 21.9. 2017, Manifestation zum 3. Jahrestag der Einnahme Sana´as durch die Houthis

Sana´a, 21.9. 2017, Manifestation zum 3. Jahrestag der Einnahme Sana´as durch die Houthis

Unterdessen fordern die Hilfsorganisationen der UNO in Genf, aber auch andere internationale NGOs die Beendigung des Krieges, weil die Entbehrungen der Bevölkerung durch Not, Isolation und Seuchen alle tragbaren Normen überschritten haben. Sie fordern freien Zugang in alle Gegenden des Jemen, um den Menschen in abgelegenen Dörfern, die von der Außenwelt – außer von den Bomben der saudischen Koalition – abgeschnitten sind, Hilfe bringen zu können.

Grafische Darstellungen der Versorgungslage zeigen unterdessen ein Paradoxon auf: Die Lage der Bevölkerung ist in einigen, von den Emiraten „befreiten“ Gebieten des Südens, vor allem in Schabwah und Abyan, schlechter als in den von den Houthis regierten dicht besiedelten, zerbombten Gebieten des Nordens, die zum Großteil über den Hafen von Hodeidah notversorgt werden.

Während der Norden immer straffer von den Houthis regiert wird und sich nach diversen Krisen zwischen Saleh´s Moutamar und den dominanten Houthis eine pragmatische Machtteilung abzeichnet, lösen sich die Führungsstrukturen im Süden immer mehr auf. Hadi wird von der Besatzungsmacht der Emirate nicht akzeptiert und kann wohl auf Dauer nicht mehr in Aden Fuß fassen. Hadis Ministerpräsident Ahmed bin Daghr hat sich zwar mit den Besatzern arrangiert und zeigt sich öffentlich bei diversen Aktivitäten, hat aber keinen politischen Einfluss. Die emiratische Besatzung verhindert – ob durch Inkompetenz oder mit Absicht – jegliche Beruhigung und Konsolidierung der Lage und hält die Bevölkerung durch Mangelwirtschaft und Infrastrukturversagen in Schach. Gleichzeitig zieht sie die Daumenschrauben der Kontrolle durch bewaffnete Einheiten immer enger. AlQaida kämpft einen Zweifrontenkrieg gegen die Houthi-Saleh-Truppen im Grenzgebiet von alBeidha und Taizz einerseits und gegen die „Antiterror-Allianz“ der Emirate und der USA im Hadramaut, Aden und Abyan andererseits. Je nach Lage verbündet sich alQaida mit den Hadi-Resttruppen und mit saudiarabischen Söldnern.

Jemeniten, ob im Süden oder Norden, tendieren dazu, als Verursacher ihrer miserablen Lage Saudi Arabien und die Bombenlieferanten USA und Großbritannien festzumachen.

Jemeniten, ob im Süden oder Norden, tendieren dazu, als Verursacher ihrer miserablen Lage Saudi Arabien und die Bombenlieferanten USA und Großbritannien festzumachen.

Während die Lage im Norden ziemlich klar ist und die Konflikte offen zu Tage treten, sind im Süden mehrere bewaffnete und unbewaffnete Kräfte am Werk, die verdeckt agieren, was zur Verunsicherung der Bevölkerung weiter beiträgt und zu lokal verschiedenen Konstellationen führt.

Die UNO-Vermittlung, die unter Ban ki-mon vor allem die Interessen Saudi Arabiens vertreten hat, sucht unter Gutierres einen neuen Vermittlungsansatz, in den sich Kuweit einbrachte. Wichtigstes Zeichen für einen Neubeginn ist die Ernennung des Palästinensers Maan Schuraim zum Vertreter des in seiner Funktion bis Februar 2018 verlängerten OSEGY Ismail Ould Scheich Ahmed, der von den Houthis zur persona nun grata erklärt wurde. Schuraim wird nun die direkten Verhandlungen mit den Houthis und Saleh´s Moutamar führen, während Scheich Ahmed sich wohl weiterhin der Interessen Hadis und Saudi Arabiens annimmt.

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JEMEN im österreichischen Radio!

Liebe Sponsoren, liebe Mitglieder:

Endlich wurde ein Beitrag zu Jemen in „Radio aktuell“ gebracht

http://religion.orf.at/radio/stories/2863735/

der noch ein Jahr kostenlos abhörbar bleibt.

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Newsletter 22

Seit dem Ausbruch der Revolution im Jemen sind mehr als sechs Jahre vergangen, und fast drei Jahre, seit die Houthis Sana´a besetzt haben und mehr als zwei Jahre, seit die saudische Koalition begonnen hat, den Jemen durch kontinuierliche Bombardierung zu zerstören und seit die „legitime“ Regierung die Jemeniten im Stich gelassen hat und aus dem Exil versucht, die Reste ihrer Macht zu retten.

Die Zerstörung ist allgemein, sie schlägt sich im Leben der Einzelnen, der Familien, der Stämme als Vernichtung der Lebensgrundlagen, Verarmung und Verelendung nieder.

In den letzten zweieinhalb Jahren setzte eine Fragmentierung des Landes ein. Vor allem jene Gebiete, die nicht unter der relativ straffen Kontrolle der Houthi-Saleh stehen, zerfallen immer mehr und  gelangen unter die Kontrolle der Besatzungsmächte Saudi Arabien im Südosten und der Emirate im Süden oder von alQaida und „regierungstreuen“ Milizen, welche die Zersplitterung vorantreiben.

Was den Jemen eint – die Cholera

Trotz allem gibt es Erscheinungen, welche das gesamte Gebiet des „alten“ Jemen betreffen und das ist derzeit, so zynisch es klingen mag, die Cholera-Epidemie. Sie hat alle Provinzen des Jemen erfasst außer Soqotra und die flächengrößte aber dünnst besiedelte Provinz Hadramaut, die kaum betroffen ist. Am meisten leiden die Provinzen Amran im Norden, wo 20,5 % der Bevölkerung erkrankt sind, und alDhale im Süden (20,1%). Sehr hoch ist die Erkrankungsrate auch in al Mahwit im nördlichen Gebirge mit 19,6%. Am 7. Juli wurden für die Zeit von 27.4. – 7.7.2017 insgesamt 297.438 Choleraerkrankungen mit 1.706 Todesfällen gezählt. Die Epidemie breitet sich demnach galoppierend aus, viel schneller und stärker als anfänglich geschätzt. In der Stadt Sana´a sind derzeit 12,3 Prozent erkrankt, in Aden (Provinz) 9,4%.

Das bedeutet auch, dass die Leistungen der internationalen Hilfsdienste sowie die örtliche Krankenversorgung überall gleich gut oder eben gleich schlecht funktionieren. Cholera kann leicht mit einfachen Mittel wie Hygiene, sauberes Wasser, Salz und Zucker bekämpft werden, aber auch daran, vor allem an sauberem Wasser fehlt es in den meisten Gegenden.

Kostenloses Wasser gibt es meist nur an Moscheebrunnen und es ist Aufgabe der Kinder, dort in der Schlange zu stehen, Wasser in Kanister zu füllen und nach Hause zu schleppen.

Lebensgefährlich ist Cholera vor allem für alte schwache Menschen, für Kranke und Kleinkinder, die schnell dehydrieren. Kinder sind von den Kriegsentwicklungen besonders betroffen. Hunderte Kinder wurden bei Bomben- und Drohnenangriffen getötet und verletzt, immer mehr Kinder verhungern, sterben an Seuchen wie der Cholera. Auch die Geburt missgebildeter Kinder häuft sich und die Müttersterblichkeit nimmt weiter zu. Nur ein baldiges Ende des Krieges und der Wiederaufbau der sanitären und medizinischen Infrastruktur kann dem ein Ende setzen.

Was den Jemen spaltet – die Politik und die Besatzung

Der flächendeckend ähnlichen sanitären Notlage im ganzen Land stehen divergierende Entwicklungen auf dem politischen Sektor gegenüber. Der Norden bildet, je länger die Zeit voranschreitet, desto konsolidierter, eine autonome Einheit mit einer transitorischen, in Sana´a präsenten Regierung, einem Netz notdürftiger sozialer und Infrastruktureinrichtungen. Dies alles gibt den Bewohnern den Eindruck, trotz immer noch sporadischer Bombardierungen und trotz Mangelwirtschaft und verbreiteter Armut, in einem geordneten Staatssystem zu leben, zumal terroristische Akte selten geworden sind.

Ganz anders im Süden, wo das Regime Saleh seit vielen Jahren die Heranbildung politischer Gruppierungen, vor allem solcher mit sezessionistischer und Unabhängigkeitstendenz brutalst verhindert hat. Seit 2007 hat sich sukzessive die Haraka herangebildet, die dann die Revolution in Aden getragen hat. Mit der Abwehr der Houthi-Invasion im Frühjahr 2015 kamen örtliche Widerstandsbewegungen hinzu, die Muqawama. Nur ein Bruchteil von ihnen waren radikale Sezessionisten. Die Südgruppierungen waren jedoch in bis zu 70 Entitäten aufgegliedert, die von Bürgerinitiativen und Vereinen bis zu Milizen reichten. Derzeit werden sich bildende politische Gruppen im Süden immer mehr zum Spielball der Versuche Hadis, von Riad aus mit Hilde der Muslimbrüder im Süden noch eine gewisse Machtbasis aufrecht zu erhalten, und der Emirate, den Süden in die eigenen Ziele zu pressen. In diesem Zusammenhang ist zu verstehen, dass Hadi die drei Gouverneure von Hadramaut, Schabwah und Soqotra entließ, weil sie sich federführend im „Politischen Übergangsrat des Südens“ engagieren, der eine Unabhängigkeit des Südjemen anstrebt. Hinter Hadi stehen dabei hauptsächlich die Islah-Partei und die Muslimbrüder, die den für sie verheerenden Einfluss der Emirate fürchten.

Zum ersten Male haben verantwortliche Politiker den Befehl verweigert und seitdem stehen die drei Gouverneure in Jeddah unter Hausarrest. Der zuvor ebenfalls abgesetzte Gouverneur von Aden, der populäre Widerstandskämpfer aus alDhale, Aidrus Zubeidi, hat sich nun an die Spitze des „Politischen Übergangsrates des Südens“ gesetzt. Am 7.7. fand in Aden-Mualla eine große Demonstration statt. Anlass war der Jahrestag der Niederschlagung des Bürgerkrieges, mit dem sich der Süden schon 1994 aus dem Verbund mit dem Norden lösen wollte. Aidrus Zubeidi, Zugpferd der Emirate bei der Sezession des Südens, hat sich in seiner Rede neben der Unabhängigkeit des Südens auch ein anderes politisches Ziel der Emirate zu eigen gemacht: den Bann der Muslimbrüder und der Islah-Partei aus dem Süden. Dies bringt Hadi und auch Saudiarabien, gerade im aktuellen Zusammenhang mit Qatar, in gröbere Probleme. Denn viele einflussreiche jemenitische Muslimbrüder sitzen als geschätzte Hadi-Unterstützer und Agenten der Saudis in Riad und versuchen die Entwicklungen im Jemen in ihrem Sinne zu steuern. Die Gegendemonstration, welche Hadi und die Muslimbrüder in Aden zeitgleich mit der Rede Zubeidis veranstalteten, wurde kläglich wenig besucht und zeigt wieder einmal, dass Hadi im Jemen nichts als ein Papiertiger ist.

Aden-Mualla, 7.7. 2017. Manifestation zum Jahrestag des verlorenen Sezessionskrieges 1994 mit einer Rede von Aidrus alZubeidi für den Politischen Übergansgrat des Südens.

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Eid alFitre

Liebe Mitglieder und Sponsoren,

Nouria ist es – Dank Ihrer Spenden – wieder gelungen, allen YERO Kindern und ihren Familien Nahrungsmittel für Eid alFitre zu schenken und für die Kinder auch neue Bekleidung und Lernutensilien zu besorgen. Die strahlenden Augen mögen auch Ihnen viel Freude bereiten!

Alles Liebe

Anisa

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Newsletter 21

Die Entwicklungen der letzten Wochen sind geprägt von politischer Fragmentierung und aufkommendem Isolationismus, sowie von Verschiebungen in den Allianzen. Der Krieg köchelt dahin, gekämpft wird punktuell an den Grenzen der Houthi-Gebiete. Die Lage vor Hedeidah ist gespannt. Saudiarabien hat es, so der stellvertretende Kronprinz Mohamed bin Salman in einem kürzlichen Interview, nicht eilig und setzt auf Zeit. Es spart die horrenden Kriegskosten des Luftkriegs ein, hält aber die Blockaden von Häfen und Flughäfen aufrecht und bereitet so ein zähes Aushungern der ca. 17 mio Menschen in den Houthi-Gebieten vor.

Die humanitäre Lage:

Ende April fand in Genf eine Geber-Konferenz statt, veranstaltet von UNOCHA sowie den Regierungen von Schweden und der Schweiz. Zwar kamen nicht die als erforderlich errechneten 2,1 Milliarden USD zustande, doch brachten diverse Geberländer immerhin 1,2 Milliarden auf.

Von den 26 Millionen Jemeniten bedürfen derzeit 19 Millionen humanitäre Hilfe und Schutz. UNOCHA und mit ihm diverse internationale Hilfsorganisationen warnen, dass fehlende Mittel zu einer Massen-Hungersnot führen, vor allem unter Kindern, die 40% der jemenitischen Bevölkerung  stellen und für die schwere Entwicklungsstörungen durch Hunger zu befürchten sind. UN-Generalsekretär Guterres sagte drastisch, jede 10 Minuten sterbe ein jemenitisches Kind unter 5 Jahren den Hungertod. Die Hungersnot im Jemen sei derzeit die größte Versorgungskatastrophe weltweit.

Bemerkenswert ist, dass Saudiarabien 150 mio USD zusagte. Die Kriegskosten Saudiarabiens für den Luftkrieg gegen den Jemen beliefen sich auf ca. 200 mio USD täglich.

Hadramauts Alleingang

Am 26. April fand in Mukalla ein Festtag der „einjährigen Befreiung Mukallas von alQaida statt“ (eine typisch jemenitische Scharade, denn al Qaida ist am 26.4.2016 nach Absprache friedlich abgezogen) und in diesem Zusammenhang wurde eine Konferenz unter dem Titel „Jumaa Hadramaut“ (Gemeinsames Hadramaut) abgehalten. Als Ergebnis der Konferenz wurde ein hadramischer Ehrenkodex beschlossen sowie eine Erklärung mit 40 Punktuationen, die ein autonom verwaltetes Gebiet Hadramaut vorbereiten.

Eine Gruppe unter der Führung des Gouverneurs von Hadramaut, Ahmed ben Brik, will damit Präsident Hadi unter Druck setzen, endlich Verhandlungen mit den Houthis zuzustimmen und zu einer Beendigung des Krieges und einer Normalisierung zu gelangen. Falls dies nicht gelingt, will diese Gruppe unter der Führung von Ahmed Ben Brik ein autonomes politisches Gebilde Hadramaut ausrufen und die Kontrolle über Militär, Infrastruktur, Wirtschaft und Verwaltung selbst übernehmen. Hadi hat darauf noch nicht direkt reagiert. Die Proponenten richten sich laut ihrer Erklärung nicht gegen die Besatzungsstaaten Saudiarabien und Emirate und laden Mahra und Schabwa ein, sich zu beteiligen.

Brandherd Aden

Zeitgleich mit den Ereignissen im Hadramaut spitzte sich die Lage in Aden zu. Präsident Hadi entließ per Dekret überraschend den Gouverneur von Aden, Aidrus Zubeidi, und einige Minister, darunter Staatminister Hani ben Brik (nicht verwandt mit Ahmed ben Brik). Letzteren beschuldigte er strafbarer Handlungen und leitete Untersuchungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn ein. Sowohl Zubeidi wie ben Brik sind Volkshelden des Widerstands gegen die Houthis und genießen als solche Anerkennung und Verehrung. Der Entlassung von Aidrus Zubeidi folgte eine „Erklärung von Aden“, in welcher dieser eine ähnliche Vorgangsweise für Aden vorschlug wie von den Hadramis für den Hadramaut gefordert. Die Entlassung Zubeidis und ben Briks führte zu massiven Protestaktionen in der Bevölkerung, wobei die Emirate die Stimmung gegen Hadi zu schüren versuchten und die Anhänger der Sezession anstachelten. Hadi warf den Emiraten vor, sich als Besatzer zu gerieren und die Einheit des Jemen zu sabotieren. Emiratische Zeitungen kritisierten Hadi scharf und stellten seine Legitimität in Frage. In der Folge kam es zu einer pro-Hadi und einer pro-Zubeidi-Kundgebung,  wobei die Emirate die pro-Zubeidi-Kundgebung mit ihren Medien und ihrer Infrastruktur zu stützen versuchen. Dennoch kamen zu beiden Kundgebungen nur wenige Teilnehmer, jene für Zubeidi wurden aus alDhale herbeigekarrt. Offensichtlich lassen sich die Adaner für solche Machtdemonstrationen nicht missbrauchen.

Die neue Situation führt auch zu Verschiebungen im Verhältnis zwischen Emiraten und Saudiarabien. Saudiarabien erhält eine stärkere Position als Vermittler. Beide Besatzungsmächte scheinen auf eine Spaltung/Aufteilung  des Jemen hinzuarbeiten.

Dazu meldete sich auch die Islah-Partei zu Wort, die bekanntlich in der derzeitigen Konstellation sehr unter Druck steht. In ihrer Erklärung unterstützt Islah Hadi – ihren einzigen Mentor -, die Einheit des Jemen und Hadis Entscheidung, Abdelaziz alMuflehi zum neuen Gouverneur von Aden zu bestellen. In der Nacht nach Veröffentlichung der Erklärung wurde die Zentrale der Islah-Partei in Aden abgefackelt.

Am 6. Mai traf der neue Gouverneur in Aden ein und wurde von Vertretern der Regierung Hadi begrüßt. AlMuflehi ist Politiker und Geschäftsmann. Er stammt – wie Zubeidi – aus der sezessionistischen Provinz alDhale, hat in Ägypten studiert und war lange in Geschäften in Saudiarabien tätig. Zuletzt war er im Beraterstab Hadis. Bei seiner Ankunft in Aden meinte er, er wolle keine große Politik machen, sondern die Lebensgrundlagen der Adaner verbessern.

Aden Flughafen, 6.6.2017, Ankunft des neuen Gouverneurs Abdelaziz alMuflehi (Mitte, von hinten)

Mukalla, 26.4. 2016, Fest anlässlich der Befreiung von alQaida vor einem Jahr. In der Mitte im beigen Anzug Gouverneur Ahmed ben Brik, strongman der „Jumaa Hadramaut“ (Gemeinsames Hadramaut)

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Eine positive Nachricht aus Sana’a

We have started this year a new class for the very
young kids to prepare  them for school.We teach them everything they need to learn before going to school.It is only once a week  im sending you the photo _ they are so lovely …
NOURIA

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