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Seit dem Ausbruch der Revolution im Jemen sind mehr als sechs Jahre vergangen, und fast drei Jahre, seit die Houthis Sana´a besetzt haben und mehr als zwei Jahre, seit die saudische Koalition begonnen hat, den Jemen durch kontinuierliche Bombardierung zu zerstören und seit die „legitime“ Regierung die Jemeniten im Stich gelassen hat und aus dem Exil versucht, die Reste ihrer Macht zu retten.

Die Zerstörung ist allgemein, sie schlägt sich im Leben der Einzelnen, der Familien, der Stämme als Vernichtung der Lebensgrundlagen, Verarmung und Verelendung nieder.

In den letzten zweieinhalb Jahren setzte eine Fragmentierung des Landes ein. Vor allem jene Gebiete, die nicht unter der relativ straffen Kontrolle der Houthi-Saleh stehen, zerfallen immer mehr und  gelangen unter die Kontrolle der Besatzungsmächte Saudi Arabien im Südosten und der Emirate im Süden oder von alQaida und „regierungstreuen“ Milizen, welche die Zersplitterung vorantreiben.

Was den Jemen eint – die Cholera

Trotz allem gibt es Erscheinungen, welche das gesamte Gebiet des „alten“ Jemen betreffen und das ist derzeit, so zynisch es klingen mag, die Cholera-Epidemie. Sie hat alle Provinzen des Jemen erfasst außer Soqotra und die flächengrößte aber dünnst besiedelte Provinz Hadramaut, die kaum betroffen ist. Am meisten leiden die Provinzen Amran im Norden, wo 20,5 % der Bevölkerung erkrankt sind, und alDhale im Süden (20,1%). Sehr hoch ist die Erkrankungsrate auch in al Mahwit im nördlichen Gebirge mit 19,6%. Am 7. Juli wurden für die Zeit von 27.4. – 7.7.2017 insgesamt 297.438 Choleraerkrankungen mit 1.706 Todesfällen gezählt. Die Epidemie breitet sich demnach galoppierend aus, viel schneller und stärker als anfänglich geschätzt. In der Stadt Sana´a sind derzeit 12,3 Prozent erkrankt, in Aden (Provinz) 9,4%.

Das bedeutet auch, dass die Leistungen der internationalen Hilfsdienste sowie die örtliche Krankenversorgung überall gleich gut oder eben gleich schlecht funktionieren. Cholera kann leicht mit einfachen Mittel wie Hygiene, sauberes Wasser, Salz und Zucker bekämpft werden, aber auch daran, vor allem an sauberem Wasser fehlt es in den meisten Gegenden.

Kostenloses Wasser gibt es meist nur an Moscheebrunnen und es ist Aufgabe der Kinder, dort in der Schlange zu stehen, Wasser in Kanister zu füllen und nach Hause zu schleppen.

Lebensgefährlich ist Cholera vor allem für alte schwache Menschen, für Kranke und Kleinkinder, die schnell dehydrieren. Kinder sind von den Kriegsentwicklungen besonders betroffen. Hunderte Kinder wurden bei Bomben- und Drohnenangriffen getötet und verletzt, immer mehr Kinder verhungern, sterben an Seuchen wie der Cholera. Auch die Geburt missgebildeter Kinder häuft sich und die Müttersterblichkeit nimmt weiter zu. Nur ein baldiges Ende des Krieges und der Wiederaufbau der sanitären und medizinischen Infrastruktur kann dem ein Ende setzen.

Was den Jemen spaltet – die Politik und die Besatzung

Der flächendeckend ähnlichen sanitären Notlage im ganzen Land stehen divergierende Entwicklungen auf dem politischen Sektor gegenüber. Der Norden bildet, je länger die Zeit voranschreitet, desto konsolidierter, eine autonome Einheit mit einer transitorischen, in Sana´a präsenten Regierung, einem Netz notdürftiger sozialer und Infrastruktureinrichtungen. Dies alles gibt den Bewohnern den Eindruck, trotz immer noch sporadischer Bombardierungen und trotz Mangelwirtschaft und verbreiteter Armut, in einem geordneten Staatssystem zu leben, zumal terroristische Akte selten geworden sind.

Ganz anders im Süden, wo das Regime Saleh seit vielen Jahren die Heranbildung politischer Gruppierungen, vor allem solcher mit sezessionistischer und Unabhängigkeitstendenz brutalst verhindert hat. Seit 2007 hat sich sukzessive die Haraka herangebildet, die dann die Revolution in Aden getragen hat. Mit der Abwehr der Houthi-Invasion im Frühjahr 2015 kamen örtliche Widerstandsbewegungen hinzu, die Muqawama. Nur ein Bruchteil von ihnen waren radikale Sezessionisten. Die Südgruppierungen waren jedoch in bis zu 70 Entitäten aufgegliedert, die von Bürgerinitiativen und Vereinen bis zu Milizen reichten. Derzeit werden sich bildende politische Gruppen im Süden immer mehr zum Spielball der Versuche Hadis, von Riad aus mit Hilde der Muslimbrüder im Süden noch eine gewisse Machtbasis aufrecht zu erhalten, und der Emirate, den Süden in die eigenen Ziele zu pressen. In diesem Zusammenhang ist zu verstehen, dass Hadi die drei Gouverneure von Hadramaut, Schabwah und Soqotra entließ, weil sie sich federführend im „Politischen Übergangsrat des Südens“ engagieren, der eine Unabhängigkeit des Südjemen anstrebt. Hinter Hadi stehen dabei hauptsächlich die Islah-Partei und die Muslimbrüder, die den für sie verheerenden Einfluss der Emirate fürchten.

Zum ersten Male haben verantwortliche Politiker den Befehl verweigert und seitdem stehen die drei Gouverneure in Jeddah unter Hausarrest. Der zuvor ebenfalls abgesetzte Gouverneur von Aden, der populäre Widerstandskämpfer aus alDhale, Aidrus Zubeidi, hat sich nun an die Spitze des „Politischen Übergangsrates des Südens“ gesetzt. Am 7.7. fand in Aden-Mualla eine große Demonstration statt. Anlass war der Jahrestag der Niederschlagung des Bürgerkrieges, mit dem sich der Süden schon 1994 aus dem Verbund mit dem Norden lösen wollte. Aidrus Zubeidi, Zugpferd der Emirate bei der Sezession des Südens, hat sich in seiner Rede neben der Unabhängigkeit des Südens auch ein anderes politisches Ziel der Emirate zu eigen gemacht: den Bann der Muslimbrüder und der Islah-Partei aus dem Süden. Dies bringt Hadi und auch Saudiarabien, gerade im aktuellen Zusammenhang mit Qatar, in gröbere Probleme. Denn viele einflussreiche jemenitische Muslimbrüder sitzen als geschätzte Hadi-Unterstützer und Agenten der Saudis in Riad und versuchen die Entwicklungen im Jemen in ihrem Sinne zu steuern. Die Gegendemonstration, welche Hadi und die Muslimbrüder in Aden zeitgleich mit der Rede Zubeidis veranstalteten, wurde kläglich wenig besucht und zeigt wieder einmal, dass Hadi im Jemen nichts als ein Papiertiger ist.

Aden-Mualla, 7.7. 2017. Manifestation zum Jahrestag des verlorenen Sezessionskrieges 1994 mit einer Rede von Aidrus alZubeidi für den Politischen Übergansgrat des Südens.

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